Transformativer Wandel

Unsicherheit als Gestaltungsraum

 

Als ich vor Jahren die ersten Design-Thinking-Workshops in Deutschland durchführte, begegnete mir immer wieder dieselbe Reaktion: "Das ist ja alles schön und gut, aber können Sie uns nicht einfach sagen, wie es richtig geht?" Diese Sehnsucht nach Sicherheit in Veränderungsprozessen beschäftigt mich seither. Als systemischer Coach und Begleiter von Transformationsprozessen erlebe ich täglich: Der größte Hebel für gelingenden Wandel liegt nicht in der Komplexität der Veränderungen selbst, sondern in unserem Umgang mit Unsicherheit. In diesem Artikel möchte ich zeigen, wie wir Unsicherheit von einer vermeintlichen Bedrohung in einen wertvollen Gestaltungsraum verwandeln können.

Transformativen Wandel verstehen

Was unterscheidet normalen von transformativem Wandel? Diese Frage beschäftigt nicht nur Organisationen und Führungskräfte, sondern zunehmend auch gesellschaftliche Akteure. Die Transformationsforschung bietet uns hier eine klare Definition: Während normaler Wandel Optimierungen innerhalb eines bestehenden Systems bezeichnet, verändert transformativer Wandel das System selbst. Er ist ein "Prozess des fundamentalen und irreversiblen Wandels der Kultur, der Strukturen und Praktiken einer Gesellschaft." 

Diese Definition wirft jedoch sofort neue Fragen auf: Wie erkennen wir, ob eine Veränderung tatsächlich transformativ ist? Wie navigieren wir durch solch fundamentale Umbrüche? Und welche Rolle spielt dabei unsere eigene Haltung zur Unsicherheit?

Das Drei-Horizonte-Modell als Kompass

Das vom International Futures Forum entwickelte Drei-Horizonte-Modell bietet uns hier eine wertvolle Orientierung. Es beschreibt drei parallel existierende "Horizonte" des Wandels:

Der erste Horizont repräsentiert unseren Status quo – das "Business as usual". Dieses System steckt in der Krise, seine Zukunftsfähigkeit nimmt rapide ab. Die Anzeichen dafür sind deutlich: Bestehende Strukturen und Denkweisen können erwünschte Ziele nicht mehr gewährleisten. Dennoch klammern sich viele an diese vertrauten Muster, weil sie Stabilität versprechen.

Der dritte Horizont zeigt die tragfähige Zukunft. Hier finden wir Ideen und Lösungsansätze, die unter veränderten Rahmenbedingungen vielversprechend sind. Diese werden heute oft noch als radikal oder unrealistisch abgetan. Doch gerade diese "Störsignale" aus der Zukunft sind wichtige Wegweiser für transformativen Wandel.

Zwischen diesen beiden Polen liegt der zweite Horizont: die "Zwischenzeit", in der wir uns derzeit befinden. Hier entscheidet sich, ob wir eine "Transformation by design" aktiv gestalten oder eine "Transformation by disaster" passiv erleiden. Diese Phase ist geprägt von Unsicherheit, Spannungen und scheinbaren Widersprüchen.

Die Dynamik der Zwischenzeit

Die Zwischenzeit ist keine komfortable Phase. Sie konfrontiert uns mit dem, was Sozialwissenschaftler als "pluralistische Ignoranz" bezeichnen: Viele Menschen erkennen die Notwendigkeit für Veränderung, glauben aber, dass die Mehrheit am Status quo festhalten will. Dies führt zu selbsterfüllenden Prophezeiungen und blockiert Innovation.

Gleichzeitig beobachten wir in dieser Phase soziale Kipp-Prozesse. Diese können in zwei Richtungen wirken:

  • Als positive Rückkopplung, wenn immer mehr Akteure den Wandel aktiv mitgestalten und ihre Erfahrungen teilen

  • Als negative Spirale, wenn Frustration und Widerstand sich gegenseitig verstärken

Die Rolle der Messgrößen

Ein oft übersehener Aspekt transformativen Wandels ist die Bedeutung unserer Messgrößen und Erfolgsindikatoren. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz bringt es auf den Punkt: "Die Welt ist mit drei existentiellen Krisen konfrontiert: die Klimakrise, die Ungleichheitskrise und eine Krise der Demokratie. Und dennoch geben uns die etablierten Wege, wie wir ökonomischen Fortschritt messen, nicht den leisesten Hinweis darauf, dass wir ein Problem haben könnten."

Dies verdeutlicht ein zentrales Merkmal transformativen Wandels: Wir müssen nicht nur unsere Handlungen ändern, sondern auch die Art, wie wir Erfolg und Fortschritt definieren und messen.

Die Bedeutung von Übersetzungsarbeit

Eine besondere Rolle in der Zwischenzeit spielen die "Übersetzer" – Akteure in Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik, die zwischen den Horizonten vermitteln können. Sie:

  • Bauen Brücken zwischen etablierten und innovativen Ansätzen

  • Übersetzen abstrakte Zukunftsvisionen in konkrete Handlungsschritte

  • Schaffen Räume für konstruktive Dialoge zwischen verschiedenen Perspektiven

  • Stellen den gesellschaftlichen Zusammenhalt über Partikularinteressen

Praxis: Von alten Seefahrern lernen

Wie navigiert man durch solch unsichere Gewässer? Ein faszinierendes historisches Beispiel liefern die polynesischen Seefahrer. Statt sich gegen die Unsicherheit des offenen Ozeans zu stemmen, entwickelten sie eine Navigationsmethode, die gerade auf dem Embracing von Unsicherheit basierte. Sie "lasen" Wellenmuster, Wolkenformationen und Tierverhalten als Orientierungsmarken. Dieses "Wayfinding" findet heute seine moderne Entsprechung im Konzept der Effectuation: Statt einer starren Zielfixierung folgen erfolgreiche Unternehmer*innen dem Prinzip der agilen Anpassung an sich verändernde Bedingungen.

Relevanz: Warum wir Unsicherheit neu denken müssen

In unserer VUCA-Welt wird Unsicherheit oft als Störfaktor wahrgenommen, den es zu eliminieren gilt. Doch die Forschung zeigt: Der Versuch, Unsicherheit auszuschalten, führt paradoxerweise zu größerer Instabilität. Das östliche Konzept des Wu Wei ("Nicht-Handeln") bietet hier eine alternative Perspektive: Es geht nicht um passives Abwarten, sondern um ein geschmeidiges Mitgehen mit der Veränderung – wie ein Bambus im Wind, der sich biegt, aber nicht bricht.

Trends: Die Zukunft der Transformation

Die aktuellen Entwicklungen unterstreichen die Dringlichkeit eines neuen Umgangs mit Unsicherheit. Wir stehen vor multiplen Krisen – Klima, Demokratie, soziale Ungleichheit –, die sich nicht mit den Denkmustern lösen lassen, die sie verursacht haben. Die Transformationsforschung identifiziert drei zentrale "Zutaten" für den konstruktiven Umgang mit diesen Herausforderungen: Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit und Machbarkeit. 

TAKE-AWAYS: KONKRETE HANDLUNGSIMPULSE

  1. Entwickeln Sie ein "Wayfinding-Mindset": Betrachten Sie Unsicherheit nicht als Hindernis, sondern als Informationsquelle

  2. Nutzen Sie das Drei-Horizonte-Modell als Navigationshilfe in Veränderungsprozessen

  3. Stärken Sie die drei Kernkompetenzen: Sinnstiftung, Verständnisförderung und Handlungsbefähigung

  4. Praktizieren Sie "aktives Nicht-Handeln": Beobachten Sie aufmerksam und intervenieren Sie minimal-invasiv

  5. Fördern Sie kollektive Lernprozesse statt individueller Heldengeschichten

Weiterführende Ressourcen

  • DRIFT (Dutch Research Institute for Transitions): Grundlagenforschung zu Transformationsprozessen

  • Saras Sarasvathy: Forschung zu Effectuation und unternehmerischer Expertise

  • David Lewis: "We, the Navigators" – Standardwerk zum polynesischen Wayfinding

  • François Jullien: "Über die Wirksamkeit" – Philosophische Perspektive auf Wu Wei

  • International Futures Forum: Vertiefung zum Drei-Horizonte-Modell

 

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Elena Walczyk

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